Weiterbildung ohne Gehaltsplus? Deutschland verliert den Anschluss

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November 24, 2025
24.11.2025
3 Minuten Lesezeit

Nur jeder zweite Beschäftigte plant eine Weiterbildung, während 30 Prozent der Verweigerer eine klare Botschaft senden: Ohne Aussicht auf mehr Gehalt fehlt der Anreiz.

Abwärtstrend trotz Transformationsdruck

Deutschland entfernt sich von den Weiterbildungszielen der Europäischen Union. Statt der geforderten 65 Prozent planen nur 50,7 Prozent der Beschäftigten zwischen 25 und 64 Jahren in den nächsten zwölf Monaten eine Qualifizierungsmaßnahme. Vor fünf Jahren lag die Quote noch bei 57 Prozent. Die repräsentative Befragung der Bertelsmann Stiftung unter 2.641 Personen dokumentiert einen alarmierenden Rückgang. Dr. Martin Noack, Senior Expert Betriebliche Bildung und Weiterbildung, kommentiert: "Der technologische Wandel nimmt immer mehr Geschwindigkeit auf, gleichzeitig stagniert die Bereitschaft zur Weiterbildung. Das ist eine Hypothek für den Wirtschaftsstandort Deutschland."

Vergütung als entscheidender Hebel

Die Daten offenbaren eine soziale Spaltung. Akademiker und Beschäftigte mit (Fach-)Hochschulreife bilden sich kontinuierlich weiter: 77 Prozent derjenigen mit Weiterbildungsplänen nahmen bereits im Vorjahr teil. Bei Personen ohne geplante Qualifizierung liegt diese Quote bei nur 23 Prozent. Kritischer noch: 30 Prozent dieser Gruppe vermissen konkrete Gehaltsaussichten, 26,8 Prozent sehen keine Aufstiegsperspektiven. Geringqualifizierte sind besonders betroffen. Ein Viertel der Weiterbildungsverweigerer hat keinen Berufsabschluss – bei Weiterbildungswilligen sind es nur neun Prozent. Noack empfiehlt Teilqualifikationen als Lösung: "Teilqualifikationen bieten berufliche Quereinstiege und führen sogar Schritt für Schritt zum Berufsabschluss, daher sollten sie ausgebaut, bekannter gemacht und stärker gefördert werden."

Kosten und Informationsdefizite als Hürden

Selbst Weiterbildungsbereite stoßen auf Barrieren. Jedem Vierten (25,3 Prozent) sind die Kosten zu hoch, mehr als jedem Fünften (21,4 Prozent) fehlt die Zeit. 35 Prozent vermissen einen Überblick über Angebote, 34,1 Prozent passende Empfehlungen. 28,7 Prozent kennen die Fördermöglichkeiten nicht. Noacks Forderung: "Die Bündelung der verschiedenen lokalen Bildungs- und Berufsberatungsangebote in einem 'Haus der Beratung' oder einer 'Weiterbildungsagentur' würde die Wege deutlich verkürzen. Außerdem brauchen wir eine gemeinsame Datenbasis der Weiterbildungsangebote mit Open-Data-Standard, für eine zielgenaue KI-unterstützte Online-Beratung." Ein bundesweiter Berufsbildungsscheck mit sozialer Staffelung könnte kurzfristig Entlastung schaffen. Mittelfristig brauche es geförderte Bildungs(teil)zeit. Kritisch sieht die Studie auch die Unternehmenskultur: 60,8 Prozent der Beschäftigten bemängeln, dass Weiterbildung als Privatangelegenheit gilt statt als Teil der Arbeitszeit, gepaart mit mangelnder Vorgesetztenunterstützung und fehlendem systematischem Management.